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Wuchernde Wiederholungen | VorĂĽberziehende Gedanken

Jeder Mensch trägt Bilder mit sich im Kopf herum, Erinnerungen an Gesehenes und Erlebtes, Geschichten, die einmal erzählt wurden und noch erzählt werden. Auch Gefühle und Stimmungen rufen Bilder hervor, die an bestimmte Situationen und Ereignisse erinnern. Man kann sagen, Bilder erzählen immer eine Geschichte, aber welche und wessen Geschichte?
Geschichten entstehen aus Geschichte und werden durch den aktuellen Entstehungsprozess in der hiesigen Gegenwart geschrieben. Sie sind Berichte aus allen Zeitebenen sowie Raumachsen und können erfunden oder real sein. Eine unendliche Vielfalt an subjektiven Erfahrungen eröffnet sich. Daniela Hoferer und Michiko Nakatani interessieren sich dafür,
diese subjektiven Bilder und Geschichten in eine haptische formgebende Welt zu heben. In einem gelungenen Spiel aus Zwei- und Dreidimensionalität gelingt es den beiden Künstlerinnen, ihren Werken eine Dramaturgie zu verleihen, die ihre Betrachter anleitet, in die Tiefe und Details ihres Schaffensprozesses zu blicken.

Die beiden Künstlerinnen haben sich während ihres Studiums der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden kennengelernt. Obwohl Material und Ausarbeitung differieren, begegnen sich ihre Arbeiten inhaltlich auf einer geistigen Ebene sowie in miteinander geführten Dialogen. Ihre Erzählungen, Gedankenkonstrukte und Überlegungen
entstehen einerseits aus persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, andererseits im Zuge des Herstellungsprozesses. Elementar sind für beide Positionen die sich wiederholende Tätigkeiten, im Modellieren bei Nakatani und im Sticken bei Hoferer, aus denen ein wucherndes, aus sich Herauswachsen der entstehenden Arbeiten resultiert.

Für Daniela Hoferer ist das Experimentieren und Herantasten an Material, Form und Wirkung von Bedeutung. So beschäftigt sie sich in einem Werkkomplex damit, aus dem fließenden und flächigen Material Textil etwas Hartes und Stabiles sowie Raumgreifendes zu konstruieren. Einen Ausgangspunkt bilden spätmittelalterliche Riefelharnische. In ihrer filigranen
Bearbeitung der geriffelten Oberfläche, ursprünglich erfunden um möglichst leichten und dennoch widerständigen Schutz zu gewährleisten, erinnern sie an die Mode dieser Zeit. So stellte zum Beipiel Lucas Cranach der Ältere im Portrait von Johann II. von Anhalt, entstanden 1520, den Riefelharnisch des Prinzen in einer weichen textilen Art und Weise dar, dass
die Wirkung des Metalls nur noch über dessen silbrigen Glanz vermittelt wird. Daniela Hoferer führt diese Darstellungsweise bildhauerisch weiter, indem sie einen silbrig glänzenden Textilstoff handwerklich so verarbeitet, dass die daraus entstandene
Plastik „Prozession“ auf den ersten Blick den Anschein erweckt, aus Metall zu bestehen. Oberflächliches Rezipieren sowie kategorisches Einordnen werden aufgehoben und durch den Blick ins Detail vollkommen preisgegeben. Die Künstlerin fordert vom Betrachter Zeit und Ruhe – Kriterien, die sie ebenfalls für sich selbst im Herstellungsprozess schafft und die ihr
besonders wichtig sind. Denn die handarbeitliche Gestaltungsmethode sowie Materialwahl rühren nicht aus politischen oder feministischen Motiven. Es ist die Schaffung von Zeit für ihre Gedanken, aus denen sie wiederum Form bildet, um diese im Raum zu gestalten. Der erste Impuls entwickelt sich im Laufe des bewusst langsam gewählten Arbeitsprozesses der Handarbeit weiter, ohne eine bestimmte endgültige Erscheinungsform anzupeilen. Die Künstlerin thematisiert Erinnerungen an gesehenes und erlebtes Bildmaterial, Spuren oder Details, die ihr geblieben sind, um ihnen aus ihrer geistigen visuellen Welt
einen eigenen Raum zu schaffen. Hoferers Stickarbeiten greifen nach Raum, die Zweidimensionalität wird bereits durch den Faden aufgehoben, der meist in mehreren Schichten übereinandergelegt wird und sich somit bereits von der Fläche abhebt
und Struktur bildet. Die Arbeit Passionsmaschine ist an die Idee eines christlichen Deckengemäldes angelehnt. Nicht in der Anordnung der dargestellten Bildinhalte, sondern auch in der Gestaltung und Konzeption der Form des Gemäldes. Der „Himmel“ wird zum Greifen nahe an die Wand montiert. Die leicht auskragenden Tafeln an Ober- und Unterkante sind raumfassend und erinnern an die Wölbungen von Kirchendecken. Weitere Motive werden von selbstgebauten Vitrinen aus Metall umfasst. Die Arbeiten erhalten somit vollends eine raumgreifend Position. Diese Kombination aus Kunsthandwerk, Design sowie Bildhauerei knüpft an die Bauhaus-Intention an und stellt die Arbeiten als Teil des architektonischen Raums dar. Die Bildinhalte setzen sich mit der Bildgestaltung sowie der Sprache einer spätmittelalterlichen Tradition auseinander. So werden beispielsweise einzelne Details wie Kopfbedeckungen aus ihrem Kontext herausgelöst und separiert. Die Progression während des Schaffens ist ein wichtiger und fortlaufender Prozess für Daniela Hoferer. Die ersten Virtrinen
stehen noch auf metallenen Beinen, gefertigt nach einem Vorbild des österreichischen Designers Carl Auböck. Hoferer experimentiert gerne mit der Kombination von Materialien. Sie verwendet zum Beispiel Kupfer für den Körper der Vitrinen.
Zusätzlich bestückt sie eine Vitrine mit hölzernen Beinen, abmontiert von einem Nierentisch, und verleiht dem Schaukasten eher den Charakter eines Interieurs als eines Präsentationsmöbels. Unterstrichen wird dieser Aspekt durch den bildlichen Inhalt,
eine Stickerei des Hauses Schminke, einem Musterbeispiel fĂĽr moderne Architektur, erbaut in den 1930er Jahren, einer Periode, in der der avantgardistische Zeitgeist eine ZusammenfĂĽhrung von angewandter und bildender Kunst praktizierte. In
der nächsten Stufe entfernt sich die Künstlerin von herkömmlichen Werkstoffen des Möbelbaus. Porzellanbeine, die sich im Herstellungsprozess ungewollt leicht verzogen haben und in der Folge (o.Ä.) nicht mehr symmetrisch sind, womit jedes ein Unikat darstellt, erwecken nun aus dem Zufall heraus den Anschein, ein biomorphes Objekt wandle durch den Raum. Es
ist eine Evolution vom statischen Zweckgegenstand über das Interieur hin zum organisch anmutenden Gebilde. Michiko Nakatani legt den Fokus in ihren Arbeiten auf das Detail. Auf den ersten Blick scheinen die in der Ausstellung gehängten Arbeiten wie gemalte Bilder. Bei näherem Herantreten entdeckt man jedoch, dass es sich nicht um Bildträger und Farbe handelt, sondern um Objekte, abgegossene Negativreliefe aus Gips, welche mit schwarzpigmentiertem Kunstharz widerum zu einer glatten Oberfläche aufgefüllt sind. Durch die zunehmende Schichtdicke des pigmentierten transparenten Kunststoffes bilden sich an den tiefen Stellen des Gipsnegativreliefs volle schwarze Flächen. An den flachen Stellen der Reliefe
entstehen Graustufen, beispielsweise durch das Abschleifen der Kunststoffmasse, wodurch die Deckkraft der Pigmente abnimmt.
Nakatani arbeitet ohne im Vorfeld gefertigte Skizzen und Vorlagen und entwickelt die Form über das vorangehende Modellieren des Tonreliefs. Das Experimentieren mit Werkstoffen und deren formale Wirkung sind für die Künstlerin von großer Bedeutung. So gelingt es ihr in der Arbeit Zimmer durch das optische Spiel von Dimension, Farbintensität sowie Licht- und Schattenwirkung, dem harten Material Kunstharz die Anmutung von Weichheit und Nachgiebigkeit zu verleihen. Aus einer fiktiven Schattenwelt wird Realität konstruiert und in ein stetiges Spiel aus dem Wechsel zwischen Fläche und Raumgreifung transformiert. Nakatani kreiert ein ungewöhnliches Raumgefühl, einerseits durch bewusstes Setzen von Licht und
Schattenkanten und einer Abstufung der Schwarzwerte – vergleichbar mit der Technik der Farbperspektive – andererseits anhand der Tiefenwirkung der abgegossenen Gipsnegativform. Durch diese Kombination wird auf einer zweidimensionalen Ebene nicht mehr bloß eine dritte Dimension suggeriert, sondern auch tatsächlich realer Raum illustriert: das Objekt Bild
ist Skulptur. So installierte die Künstlerin die drei Arbeiten Boot, Schatten und Nächtliche Waldspiegelung als zusammenhängende Installation. Das Sujet des Bootes findet sich einmal als Plastik im Raum und als Bild an der Wand. Den Übergang zwischen Skulptur und Bild unterstreicht das an die Wand gelehnte Gipsnegativrelief Nächtliche Waldspiegelung – auf den
Kopf gestellte Bäume - die einen Wald am Ufer darstellen der sich im möglichen Wasser spiegelt (auf dem die präsentierten Boote schwimmen). Bei der Arbeit Schatten handelt es sich um eine Collage aus schwarzem Krepppapier, das in seiner Struktur so angeordnet ist, dass sich bei näherem Herantreten die Form eines Bootes abzeichnet. Beide Bootsdarstellungen sind
für Nakatani gleichwertig, auch wenn die Prozedur der Keramikherstellung weitaus angwieriger ist als die der Krepppapier- Collage. Wichtig ist die unterschiedliche Gewichtung der beiden Darstellungen und ihre doppelte Anwesenheit im Ausstellungsraum, als Abbildung eines Bootes sowie als reales Boot mit greifbarer Materialität. Der zeitliche Herstellungsprozess von Nakatanis Arbeiten unterliegt teilweise einem gewissen zeitlichen Rhythmus, zum Beispiel jenem, der von Umgebungsgeräuschen ausgeht, wie ihn im Video Animal´s Abstraction die Geräusche der Tiere vorgeben. Im Video bezeichnet Nakatani die Wände eines Stalls über mehrere Tage mit einem Muster, das sie ständig repetiert. Durch die wiederholende Handlung der Geste mit dem Bleistift an der Wand ergeben sich im Detail leichte Unterschiede in Linienführung und Formgebung des gestalteten Motivs. Die Künstlerin sieht darin kein statisches Kopieren ein und derselben Form, sondern ein Objekt, das an der Wand wuchert, vergleichbar mit einer Kletterpflanze, deren Blätter beim näheren Betrachten doch feine Nuancen aufzeigen. Drei Aspekte der Wiederholung, der ontologische, der räumliche
sowie der chronologische finden sich in Nakatanis wuchernder Skluptur. Ein reines Wiederholen um der Wiederholung willen; der Gesamtaufbau des Werkes, der durch die ständig vollführte kleine Wiederholung bedingt ist; sowie das Wiederholen, das während des Kunstschaffens stattfindet und die Erörterung verschiedener Geschichtskonzepte, die das Weltbild beeinflussen
und auf denen unterschiedliche sozio-kulturelle Strukturen fuĂźen wie zum Beispiel Traditionen.
Aber wer war und ist eigentlich alles an der Geschichte, wie sie heute geschrieben und erzählt wird, beteiligt? Nicht alle Einzelheiten können erfasst werden, aber die Wahrnehmung dafür soll geöffnet werden. Weg von der oberflächlichen Betrachtung! So die Intention der Arbeit Souzou no Yoroi (Vorstellung einer Rüstung) - eine menschliche Gestalt, die aus vielen
kleinen Menschen zusammengesetzt ist. Die aus Kunststoff geformten Figuren hängen wie Glieder aneinander, bilden den hohlen Körper, das Gerüst, die Rüstung und somit die Geschichte, bestehend aus vielen einzelnen Erzählungen. Das Spiel zwischen Fläche und Raum, Material und dessen visueller Wirkmacht, die damit einhergehende Experimentierfreude
in der unterschiedlichen Materialver- und anwendung sowie der stetige Entwicklungsprozess in der Herstellung bzw. während der Arbeit bilden neben dem gesprochenen Austausch im Atelier den Dialog, der den Werken von Daniela Hoferer und Michiko Nakatani innewohnt.

Sofie Mathoi